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Erna mit Japanschirm (Japanerin)
    • Öl auf Leinwand
    • Objektmass: 80 x 70.5 cm
    • Inv.-Nr. 3828
    • Aargauer Kunsthaus Aarau / Legat Dr. Othmar u. Valerie Häuptli
    • Dank des umfangreichen Legats von Othmar und Valerie Häuptli befinden sich in der Sammlung des Aargauer Kunsthauses vier Werke von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938). Während der Linolschnitt von 1910 (Inv.-Nr. G3023) mustergültig ist für den Stil der Künstlergruppe "Brücke", der Kirchner von der Gründung 1905 bis zur Auflösung 1913 als führender Vertreter angehört, widerspiegelt sich in "Erna mit Japanschirm" aus dem Jahr 1913 Kirchners "Berliner Stil". Aus den ersten Schweizer Jahren stammen das Aquarell "Brücke bei Bombenz" (1919, Inv.-Nr. 3827) sowie das bekannte Gemälde "Der Wanderer" (1922, Inv.-Nr. 3829).

      Kirchner lebt von 1911 bis 1915 in Berlin, das zu jener Zeit die führende deutsche Kunstmetropole ist. Gegenstück zu den für diese Schaffensphase charakteristischen Strassenszenen, welche die hektisch-aufgeladene Atmosphäre der modernen Grossstadt festhalten, sind die Bilder, die Kirchner zwischen 1912 und 1914 während seiner sommerlichen Aufenthalte auf der Ostseeinsel Fehmarn malt. Diese Sommermonate sind für Kirchner jeweils sehr produktiv. Fast die Hälfte der in diesen Jahren entstehenden Arbeiten weisen Motive der Insel auf. So auch "Erna mit Japanschirm". Zu sehen ist Erna Schilling, mit der Kirchner ab 1912 liiert ist, vor einem japanischen Sonnenschirm in den Dünen von Fehmarn. Eine Fotografie von Kirchner zeigt das Gemälde zusammen mit vier weiteren Bildern vor dem Leuchtturm Staberhuk auf Fehmarn an die Wand gelehnt. Die Arbeiten waren scheinbar vorgesehen für Kirchners Ausstellung 1913 im Museum Folkwang, das sich damals in Hagen befand, 1922 aber nach Essen umgesiedelt wurde.

      Der Bildaufbau des 1940 für die Sammlung Häuptli angekauften Werks wird bestimmt durch die Akzentuierung der Diagonalen. Von unten links wächst Ernas Figur, die in den Dünen liegt, als wären sie Kissen, in die Bildmitte. Demgegenüber steht die rhomboide Form des Sonnenschirms, der sich, grosse Teile des Bildes einnehmend, hinter Ernas Kopf von rechts unten nach links oben spannt. Im Hintergrund sind die Steilküste der Insel und ein Strand zu erkennen. Farblich agiert Kirchner vor allem mit Schattierungen der drei Grundfarben. In Blautönen erscheinen Ernas Kleid und das Meer; rot leuchtet die Bordüre des Sonnenschirms, der einen innerbildlichen Rahmen um Ernas Kopf bildet, sowie die Farbtupfen auf dem Kleid; gelb dominiert die restliche Schirmfläche, am Kragen und in einer fahleren Abstufung auf den Dünen. Befremdlich hingegen wirkt die bleich-grünliche Gesichtsfarbe der Figur und ihre maskenhafte Physiognomie, in der wir die Kokotten aus den zeitgleich in Berlin entstehenden nächtlichen Strassenszenen zu erkennen meinen. Durch den strengen Pagenschnitt und die mit einem runden Strich dargestellten geschlossenen Augen verleiht Kirchner seiner Lebenspartnerin das Aussehen einer Japanerin. Entsprechend lautet auch die Zusatzbezeichnung, die das Bild im Werkverzeichnis trägt.

      Zwischen 1909 und 1913 arbeitet Kirchner in mindestens sechs Gemälden mit japanischen Schirmen als Requisiten. Im gleichen Jahr wie unser Werk entsteht, schafft er zum Beispiel das "Paar unter Japanschirm" (1913), das sich in der Sammlung der Hilti Art Foundation in Vaduz befindet.

      Yasmin Afschar